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Die Wahrheit über China

Ein Positionspapier von Open Doors

China China ist ein Land voller Paradoxe, die dem Aussenstehenden verwirrend erscheinen. Während die Hausgemeinden weiterhin von der Polizei ab und zu durchsucht werden und einige chinesische christliche Leiter im Gefängnis dahinschmachten, reisen andere durch die Welt und erzählen von der Religionsfreiheit in ihrem Land. Einerseits werden Bibeln geschmuggelt, andererseits wird die Bibel legal gedruckt und verkauft. Man streitet sich darüber, wie viele Christen es tatsächlich in China gibt und wie christliche Organisationen den chinesischen Christen am besten helfen sollen. Unsere Position zu diesen Fragen kann unter drei Hauptpunkten zusammengefasst werden: Fortschritt, Verfolgung und Erweckung.

Fortschritt

In den letzten 33 Jahren sind die Anstrengungen für die Religionsfreiheit in China weit vorangeschritten. Das Resultat sind erstaunliche Möglichkeiten für westliche wie auch für einheimische Christen, der chinesischen Gesellschaft zu dienen und ihr ein Zeugnis zu sein. Die ideologische Unterdrückung der Kulturrevolution (1966-1976) ist schon lange vorbei, und da sich China zu einem immer wichtigeren Mitglied der Weltgemeinschaft entwickelt, ist es nun möglich, legal im Land zu arbeiten, ja sogar mit den örtlichen Christen zusammenzuarbeiten, obschon diese dann hauptsächlich der offiziellen Kirche angehören.

Über 50 Millionen Bibeln wurden seit 1988 legal in China gedruckt. Die chinesische Regierung erlaubte der Amity Printing Company (zuvor Amity Press) in den Jahren 2006 und 2007 den Druck von über sechs bzw. sieben Millionen Bibeln. Rund 21 % dieser Bibeln werden nach Afrika, Asien, Europa und Amerika exportiert, der Rest gelangt zu den einheimischen Christen.

Diese Bibeln werden zu durchschnittlich erforderlichen Preisen durch die offizielle protestantische Kirche vertrieben und haben im Allgemeinen die Nachfrage nach Bibeln in den grösseren Städten gedeckt. Einigen Mitgliedern von Hausgemeinden war es auch möglich, solche Bibeln zu kaufen. Zudem können viele ländliche Kirchenräte ebenfalls christliche Literatur drucken. Viele religiöse Bücher, die von Universitätsverlagen oder Verlagsgesellschaften christlicher Gruppen aus dem Westen publiziert werden, sind nun erhältlich in Bücherläden, die der Regierung unterstehen, und in gewöhnlichen Beuchhandlungen. Obwohl die Bibel immer noch nicht vom Bücherregal solcher öffentlicher Orte verfügbar ist, handelt es sich doch um eine gewaltige und begrüssenswerte Besserung.

Aber in den ländlichen Gebieten, wo 70 bis 80% der Hausgemeindechristen leben, besteht noch immer ein grosser Mangel an Bibeln. Oftmals sind Christen nicht in der Lage, in die Städte zu reisen, um Bibeln zu kaufen, und sie hätten ohnehin nicht das Geld dafür. Andere Christen ziehen es vor, Bibeln nicht durch die offiziellen Kanäle zu erwerben, da sie befürchten, Informationen über ihre Zugehörigkeit zu einer Hausgemeinde preisgeben zu müssen. Christen der Hausgemeinde, die versucht haben, grössere Mengen Bibeln in den offiziellen Bücherläden der Drei-Selbst-Bewegung in gewissen Grossstädten wie Guangzhou zu erwerben, haben ebenfalls von einem Mangel berichtet. Die Folge ist, dass noch immer Millionen Christen in China keine eigene Bibel besitzen. Es ist also immer noch wichtig, ihnen Bibeln zukommen zu lassen.

In Anbetracht einer konservativen Schätzung, wonach die Zahl der chinesischen Christen jährlich um drei bis fünf Millionen zunimmt, lässt sich annehmen, dass die interne Bibelverbreitung den Bedarf in den kommenden Jahren zu decken vermag, vor allem dank der neuen Einrichtung der Amity Printing Company, die jährlich bis zu 12 Millionen Bibeln drucken kann. Allerdings ist die chinesische Kirche auch geistlich gewachsen, und die Gläubigen möchten nun auch Bibeln, die mehr beinhalten als ausschliesslich den Bibeltext. Sie wünschen sich beispielsweise Studienbibeln oder Bibeln mit Kettenverzeichnissen, Kinderbibeln und Bibeln in Minderheitssprachen, die von Amity noch nicht für die lokale Massenverteilung hergestellt werden. Wenn deshalb westliche Missionswerke der chinesischen Kirche helfen wollen, im Glauben und im Verständnis des Wortes Gottes voranzukommen, sollten die Lieferungen von Bibeln, welche die Bemühungen von Amity ergänzen, fortgesetzt werden.

Tausende Christen haben als Lehrer die englische Sprache oder andere Fächer in den Universitäten gelehrt. Dank vieler kooperativer Projekte zwischen westlichen Missions- /humanitären Werken und offiziellen staatlich anerkannten Organisationen wurden Seminare und Gemeinden wieder aufgebaut sowie Waisenhäuser und Hilfswerke (NGO) errichtet.

Diese Möglichkeiten werden wahrscheinlich zunehmen, und Gruppierungen mit gutem Unterscheidungsvermögen sollten den besten Nutzen daraus ziehen, solange sie sich der Risiken und auch der verschiedenen Stufen der Korruption im Land bewusst sind. Open Doors will nicht andere kritisieren, sondern vielmehr zur Beteiligung an dieser Aufgabe ermutigen, solange dies nicht bedeutet, über die Verfolgung der Christen im Land zu schweigen.
 

Verfolgung

Einige verleugnen, dass überhaupt signifikante Verfolgung existiert. Doch lehnt es heute die Mehrheit der Christen ab, gemeinsam mit der staatlich anerkannten Kirche Gottesdienste zu feiern, da sie die Beobachtung durch die Regierungsorgane als aufdringlich und kontrollierend empfindet. Evangelisation ausserhalb der Mauern der registrierten Kirche ist illegal. Obschon die chinesische Regierung über kein nationales Gesetz verfügt, das ausdrücklich die Vermittlung religiöser Lehre an unter 18jährige verbietet, gibt es provinzielle interne Verfügungen, die Taufen von Minderjährigen verbieten und Kinderprogramme einschränken. Wenn Sonntagsschullehrer bei ihrem Dienst erwischt werden, erwartet sie Verhaftung, Geldstrafen und oft auch Gefängnisstrafen von bis zu drei Jahren. Hausgemeindeleiter werden noch immer inhaftiert und geschlagen für Vergehen, die in der westlichen Welt als freier Ausdruck des Glaubens betrachtet würden.

Es ist wahr, dass einige Agenturen übertreiben das Mass der Verfolgung. Zwar wird ein durchschnittlicher Gläubiger normalerweise nicht inhaftiert und geschlagen, aber er erfährt Diskriminierung und Belästigungen. Ausserdem herrschen landesweit beträchtliche Unterschiede in der Toleranz. In einigen Gegenden singen Hausgemeindechristen aus voller Kehle und bauen ihre eigenen Gemeindehäuser trotz der intoleranten Gesetzgebung. Die Polizei ist auf dem Laufenden, lässt sie aber in Ruhe. In anderen Gegenden können Hausgemeindeleiter inhaftiert und geschlagen und seine Gemeindeversammlungen aufgelöst werden. Hin und wieder gibt es von höheren Regierungsbeamten angeordnete Razzien in unregistrierten Gruppen, gewöhnlich vor grösseren Veranstaltungen auf nationaler oder internationaler Ebene, offenbar mit dem Ziel, den Hausgemeinden klarzumachen, wer am längeren Hebel sitzt, und dass die Regierung die Sache im Griff hat.

Die Kirche in China mag nicht so viele Märtyrer haben wie die Kirche in Kolumbien, nicht so vielen Restriktionen ausgesetzt sein wie die Kirche in Saudiarabien, oder muss sich nicht vor so vielen gegnerischen Mobs schützen wie die Kirche in Indonesien oder Indien. Aber die 60 bis 80 Millionen Christen in China sind dennoch auch heute die weltweit grösste verfolgte Religionsgemeinschaft!
 

Erweckung

Die chinesische Gemeinde entwickelte sich in den frühen 1970er Jahren aufgrund einer massiven Erweckung in soweit unbekanntem Ausmass zur weltweit grössten christlichen Gemeinschaft. Wir glauben, dass die Zahl der Christen zwischen 60 und 80 Millionen liegt, sie kann aber auch höher sein.

Davon gehören über 23 Millionen zu den beiden offiziell organisierten Kirchen des Landes – der protestantischen Drei-Selbst-Bewegung (TSPM) mit über 18 Millionen Mitgliedern, und der katholischen patriotischen Verbindung (CPA) mit 5 Millionen Mitgliedern. Da die Mitglieder der offiziellen Kirchen in der Minderheit sind, können die von der Regierung beauftragten Leiter der TSPM und CPA nicht für sich in Anspruch nehmen, eine repräsentative Stellung für die Christenheit des chinesischen Volkes einzunehmen.

Konsequenterweise kann der gesamten Gemeinde Chinas nur in Missachtung der Regierungspolitik wirklich gedient werden, da die Regierung darauf besteht, dass jegliche Hilfe ausschliesslich den offiziellen Kirchen zufliesst.

Basierend auf diesem Anliegen, der ganzen chinesischen Gemeinde beizustehen, die mindestens drei Mal grösser ist als die Regierung zugibt, müssen wir weiterhin Wege finden, die Hilfe, die der Leib Christi in China erhält, sinnvoll zu ergänzen. Da beispielsweise die legale Bibelproduktion den geistlichen Bedürfnissen und der Nachfrage der Mehrheit der chinesischen Christen nicht nachzukommen vermag, müssen wir die zahlen- und reifemässig wachsenden Millionen Hausgemeindechristen mit Bibeln und Büchern versorgen, die ihnen einen tieferen Zugang zur Bibel ermöglichen.

Es ist sinnlos, wenn Missionswerke sich gegenseitig kritisieren und darüber streiten, welche Methode die beste sei, wenn die Bedürfnisse so enorm sind. Die chinesische Gemeinde braucht die Hilfe aller, und jede Methode ist gut ... solange die chinesische Gemeinde respektiert und ihr gedient wird.

Zusammenfassung

Die offiziellen von der Regierung anerkannten Kirchenleiter repräsentieren nicht die gesamte chinesische Kirche. Gleichzeitig wird den Leitern der Hausgemeindebewegungen die Möglichkeit verwehrt, ihre Anliegen und Bedürfnisse zu bekunden. Wir von Open Doors versuchen, die Ansichten dieser Hausgemeindeleiter zu formulieren und für diejenigen die Stimme zu erheben, die selber nicht sprechen können.

Es gibt gute und von der Regierung anerkannte Möglichkeiten, den Christen der offiziellen Kirche zu dienen, aber damit werden die Bedürfnisse der gesamten Gemeinde Chinas niemals gedeckt. Wir dürfen uns nicht von Regierungspropaganda irreführen lassen oder westlichen Besuchern (und selbsternannten China-Experten) Halbwahrheiten glauben, welche die offizielle Linie wiedergeben, oder die keinen vollständigen und ausgewogenen Gesamtüberblick bieten.

Die Gemeinde in China wächst schnell, aber von geistlichem Tiefgang ist in der Kirche noch relativ wenig vorhanden. Nur wenn wir jede Gelegenheit ausschöpfen, um der gesamten Gemeinde in China mit Bibellieferungen, Leiterschulung, Entwicklungshilfe, Gebetsunterstützung und Ermutigung zu dienen, werden wir anhaltendes solides Wachstum und Reifen der weltweit grössten Erweckung sehen.

(Januar 2009)
 

 

 
 
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