Am Vortag der Wahlen trafen wir uns mit einer Gruppe von Christen, die alle aktiv in verschiedenen Diensten ihrer Gemeinden mitarbeiten. “Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir endlich wählen dürfen!” meint ein etwa fünfzig jähriger Christ. „Dies war nie möglich unter Hosni Mubarak. Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich wählen darf und diese Wahlen haben eine grosse Bedeutung.“ Trotz der Aufregung sehen diese Christen der Zukunft jedoch ängstlich entgegen. “Wir wissen nicht, was die Zukunft bringen wird, wir fürchten die Islamisten und sind überzeugt, dass sie unsere Verfassung abändern wollen und dies das Ende für unseren Frieden sein wird.“ Andere sind derselben Überzeugung: „Wir erwarten, dass noch mehr Blut fliessen wird. Die Liberalen werden einen radikal islamistischen Staat nicht akzeptieren – wir werden weiterhin demonstrieren, aber diese Kundgebungen könnte blutig niedergeschlagen werden.“
An den zwei darauf folgenden Wahltagen, stehen vor jedem Wahllokal, an dem wir vorbeikommen, Anhänger der islamischen Bruderschaft oder der Salafisten am Eingang und “laden” die Leute ein, sie zu wählen. Die Warteschlangen sind extrem lang. Manche Leute stehen zwischen 5 bis 7 Stunden an, nur um anschliessend nach Hause zu gehen, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, ihre Stimme abzugeben.
In den Tagen nach den Wahlen werden langsam die Resultate veröffentlicht. Was die meisten Christen befürchteten, hat sich leider bewahrheitet…die Islamisten erhielten die meisten Stimmen. Was alle Christen, die wir getroffen haben, schockierte, ist der hohe Prozentsatz der Stimmanteile, die die Salafisten erhalten haben.
“Das ist sehr schlecht und gibt uns wenig Hoffnung und viel Bedenken für die Zukunft. Als ich letzte Woche in die Gemeinde ging und mit den Christen um mich herum sprach, stellte ich fest, dass die meisten von ihnen entweder bereits planen auszuwandern oder sich darüber Gedanken machen.“
Wenn die Islamisten die Macht übernehmen, werden die Rechte der christlichen Minderheit weiterhin beschnitten werden. Sollte die wirtschaftliche Lage des Landes sich nicht bessern, werden wohl viele der ägyptischen Christen den Nahen Osten verlassen.
Sämtliche ägyptische christliche Leiter, mit denen wir sprachen, sowohl koptisch orthodoxe wie evangelikale versuchen sich auszumalen, wie die Zukunft aussehen könnte. Nach 30 Jahren Hosni Mubarak Regime können sie sich Ägypten unmöglich als islamistischen Staat vorstellen. Ein koptisch orthodoxer Priester meint: „ Wir haben während Jahrzehnten ohne grössere Probleme neben Muslimen gelebt. Nun haben viele dieser Extremisten sehr radikale Überzeugungen und scheuen nicht vor Gewalt zurück. Uns kommt es vor, als ob wir uns rückwärts und in die falsche Richtung bewegen würden.“
Während wir zum Flughafen fahren, klingelt das Handy. Einer der ägyptischen Brüder verabschiedet sich von uns: „Danke, das ihr gekommen seid. Es war für uns eine grosse Ermutigung und bedeutet uns viel. Bitte denkt an uns im Gebet und erinnert unsere Geschwister im Westen daran, für uns zu beten. Wir brauchen eure Gebete. In dieser herausfordernden Zeit der Geschichte müssen wir eins sein in Christus! Meine Frau und ich wollen hier bleiben, aber es wird nicht einfach sein. Bitte lasst uns nicht alleine. ”
Dezember 2011